Sonntag, 9. April 2017

Das zerbrochene Gefäß (Predigt) hl

Predigttext: Markus 14,3-9

Liebe Gemeinde,
 „Du salbest mein Haupt mit Öl“ – wohl jeder hier kennt diesen Satz aus dem Psalm 23. Ich habe ihn damals im Konfirmandenunterricht bei Pfarrer Beltinger im Löhehaus gelernt. Weißt du noch, wann und wo du ihn gelernt hast? Aber hat dieser Satz mit dem Öl für dich auch eine Bedeutung? Sowas sagt man oft einfach nur so dahin, weil’s halt so dasteht. Das ging auch mir nicht anders
Vielleicht finden wir eine Antwort, wenn wir jetzt gemeinsam in Gedanken in den Himalaya hinaufsteigen, aufs Dach der Welt. Dort suchen wir in 4000 Meter Höhe eine ganz besondere Pflanze, eine eher unscheinbare Blume, die Narde. Doch deren Wurzeln haben es im wahrsten Sinn des Wortes in sich. Aus ihnen wird das kostbare Nardenöl gepresst, eines der teuersten Duftöle. Heute kosten im Internet ein paar Tropfen 40 Euro. Zur Zeit Jesu war es noch viel kostbarer, weil die Karawanen viele Monate brauchten, um das Nardenöl unter allerlei Gefahren vom Himalaja nach Palästina zu bringen.
Von diesem Öl handelt die Geschichte aus dem Evangelium des Markus, worüber heute am Palmsonntag in unseren Kirchen gepredigt wird. Und vielleicht ist dir am Ende der Predigt bewusst, dass auch du gesalbt bist mit einem besonders kostbaren Öl, ganz so wie es der Psalm 23 sagt. Doch hört zunächst die biblische Geschichte:
1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten, also die Bischöfe und Theologieprofessoren der damaligen Kirche, suchten herauszufinden, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten. 2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.
Unterdessen war Jesus in Betanien zu Gast bei Simon, der früher einmal aussätzig gewesen war. Während der Mahlzeit kam eine Frau herein. In ihren Händen hielt sie einen Flacon mit reinem, kostbarem Nardenöl. Sie zerbrach das Gefäß und goss das ganze Öl Jesus auf den Kopf.
4 Darüber regten sich einige Gäste auf: »Das ist ja die reinste Verschwendung! 5 Dieses Öl ist mindestens 300 Silberstücke wert.
«
300 Silberstücke! Das war damals der Jahresverdienst eines ungelernten Arbeiters. Heute wären das 20.000 Euro. Und genau darüber regten sich einige Gäste auf: »Spinnst du? Hast du sie nicht mehr alle? Dafür könnte man ja ein Auto kaufen. – Naja, Autos gab‘s damals noch nicht, aber teure Rennpferde oder Weinberge. Die Frau zuckte erschrocken zusammen, und die Gäste wurden noch heftiger:
»Man hätte dieses teure Öl lieber verkaufen und das Geld den Armen geben sollen!« So machten sie der Frau heftige Vorwürfe.
6 Aber Jesus sagte: »Lasst sie in Ruhe! Warum kränkt ihr diese Frau? Sie hat etwas Gutes für mich getan. 7 Arme, die eure Hilfe nötig haben, wird es immer geben. Ihnen könnt ihr helfen, sooft ihr wollt. Ich dagegen bin nicht mehr lange bei euch. 8 Diese Frau hat getan, was sie konnte: Mit diesem Salböl hat sie meinen Körper für mein Begräbnis vorbereitet. 9 Das sage ich euch: Überall in der Welt, wo Gottes rettende Botschaft verkündet wird, wird man sich auch dieser Frau erinnern und davon sprechen, was sie getan hat.«
Mein Gott, Salböl für 20.000 Euro! Ich konnte es selbst kaum fassen, als ich das gelesen habe. Und wofür? Hätte nicht ein Salböl für, sagen wir mal, 20 Euro den gleichen Zweck erfüllt? Diese Frage habe ich auch neulich in unserem Hauskreis gestellt. „Warum nimmt jene Frau für Jesus ein so teures Öl?“ Und jemand sagte: „Ganz einfach, weil er es wert ist.“ Hm, wäre er auch dir und mir so viel wert? Und was ist es, das ihn so wertvoll macht?
Dazu schaue ich auf eine kleine Geste jener Frau, die man leicht überhört oder übersieht. Wenn man eine Flasche mit einem besonders kostbaren Inhalt öffnet, geht man vorsichtig zu Werke. Man will ja nichts verschütten. Das Alabastergefäß mit dem Nardenöl war am Ende seines langen Halses versiegelt, damit der kostbare Inhalt nicht eintrocknet. Doch statt den Verschluss vorsichtig zu öffnen, hat die Frau den Flaschenhals kurzerhand abgebrochen: Knack. Sie hat das Gefäß zerstört, weil sie nicht nur ein paar Tropfen entnehmen wollte, weil sie Jesus alles schenken und ihn damit salben wollte, mit dem gesamten kostbaren Inhalt.
Er sah sofort den geheimen Sinn dieser Tat. Er wusste ja, was ihm bevorstand. Schon am nächsten Tag würde er am Kreuz sterben, würde sein Leben gewaltsam zerbrochen werden so wie das Gefäß mit dem Slaböl. Und er wusste auch wozu. Er wusste, wozu er den ganzen weiten Weg bis nach Jerusalem gegangen war. Er wusste, dass es keinen anderen Weg gab, damit das Kostbarste, was sein Leben enthielt, hervortreten und er die Bestimmung, die Gott ihm gegeben hatte, erfüllen konnte. Er selbst, sein Leib, sein Leben war ein solches Gefäß randvoll mit der bedingungslosen und voraussetzungslosen Liebe Gottes zu uns Menschen, zu allen, ohne Ausnahme, und darum auch zu dir und zu mir und darum auch zu denen, die wir nicht leiden können, aber er.
Dieses Gefäß, sein Leib, sein Leben würde in wenigen Stunden von Menschen zerbrochen werden, die nicht wissen, was sie da tun. Die den Sohn Gottes töten und damit doch nur erfüllen, was sein soll. Und das ist, dass aus dem sterbenden Jesus Gottes grenzenlose Liebe strömt zu allen, die damals dabei waren, auch zu seinen Feinden und schließlich auch zu dir und zu mir.
Wir alle haben schon erlebt, dass man von einer Sache ganz erfüllt sein kann. Manche sind ein Gefäß voll schlechter Laune, manche sind angefüllt mit Hass, andere aber mit Freundlichkeit Manche füllt ein Hobby total aus, andere ihr Beruf und so weiter. Jesus war erfüllt von Gottes Liebe. So wurde der von der Frau Gesalbte selbst zum kostbaren Salböl, womit Gott seine Menschenkinder salbt. So wurde und wird der Satz aus dem Psalm 23 wahr, wenn wir sagen: „Herr, du salbest mein Haupt mit Öl“, mit dem Öl deiner Liebe, die in Jesus ist.
Vielleicht sagst du jetzt: 'Schön und gut. Aber ich merke nichts davon, dass Gott mich liebt. Dazu habe ich zu viel Schlechtes erlebt. Dazu habe ich in diesem Leben schon zu viel verloren und zu viel gelitten.'
Wie sollte ich dir da widersprechen? Ich will deine Enttäuschungen und Schmerzen respektieren. Doch erlaube mir, dass ich hinzufüge, was wir alle als Kinder erfahren haben:  Zum Leben in dieser Welt gehört, dass man springt und tanzt, aber auch hinfällt und sich weh tut. Als Kind bist du mit aufgeschlagenen Knien weinend auf den Schoß deiner Mutter gekommen, und sie hat dich liebevoll in ihren Armen gewiegt und zu dir sagt: „Ganz ruhig, es ist alles gut“ – obwohl doch nichts gut war, weil die Knie noch bluteten und schmerzten. Aber es gab für dich keinen besseren Ort als den Schoß deiner Mutter. Da, wo es für dich gut war, wurde alles wieder gut. Da, wo es jetzt für dich gut ist, wird alles wieder gut.
Und so glaube ich, dass es keinen Sinn hat, mit Gott zu hadern, was er dir schuldig geblieben ist an irdischem Glück. Das ändert nichts zum Guten. Aber dies, dass du deine Vorbehalte gegen ihn zurückstellst und zu ihm kommst mit deiner verwundeten Seele und sagst: „Vater, du bist doch mein Hirte. Es heißt doch, dass mir bei dir nichts mangeln wird, dass du bei mir bist im finsteren Tal meiner Angst und mich tröstest, dass du mich salbst mit deiner Liebe und mir den Segensbecher einschenkst, dass er überläuft. Schau auf mich, hier bin ich. Hilf mir und heile mich!“
In einer Woche, am Ostersonntag feiern wir um 5:30 Uhr in Sommersdorf die Osternacht. Dann sind die Besucher wieder eingeladen, nach vorne zu kommen zum Altar. Dann werden sie wieder ihre leere Hand ausstrecken und ich werde ihnen mit Salböl ein Kreuz in die Hand zeichnen und sie segnen mit einem guten Wort. So bekommen sie das Zeichen von Gottes Liebe, die in Jesus war und die ausgegossen ist über uns, als sein Leben am Kreuz zerbrach. 

Sag selbst: Welches Geschenk ist kostbarer als die Liebe dessen, der sein Leben für dich gelassen hat? Und warum? Weil du es ihm wert bist. Weil du zu ihm gehörst und er dich nicht mehr verlieren will. Nun kannst auch du tun, was dich zu einem Christen macht, dass du Gott wiederliebst und deinen Nächsten wie dich selbst.
So gehst du in die Herausforderungen deines Lebens, durch gute Zeiten, in denen du glücklich bist, und durch schlechte Zeiten, in denen du leidest. In alledem aber bist und bleibst du von Gott mit Liebe gesalbt. Das gibt dir Kraft, die Herausforderungen anzunehmen und auszuhalten. Amen

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